Theater im Klassenzimmer – Klamms Krieg

„Am Anfang war das Wort“, steht an der Tafel und leitet den ersten Akt ein, für uns Schüler aber hätte besser gepasst: „Am Anfang war das Fragezeichen.“

Fragende, unsichere und grübelnde Blicke sind auf den Schauspieler Markus Rührer gerichtet, der unseren Lehrer, Herrn Klamm, spielt, der wütend das Klassenzimmer betritt. Wir wissen nichts, einfach gar nichts. Anscheinend haben wir, die wir jetzt im Stück mitspielen, einen Brief geschrieben und ihm den Krieg erklärt – weswegen bleibt  vorerst im Verborgenen.

Das Beeindruckendste ist, dass wir, die Schüler, stille Zuschauer sind und genau so im Stück mitspielen, schließlich haben wir unserem Deutschlehrer die Totalverweigerung erklärt und boykottieren ihn. Langsam wird uns klar, es geht um einen Schüler namens Sascha, der wegen Klamm das Abitur nicht bestanden hat. Wir machen ihn für den Selbstmord dieses Schülers verantwortlich und wollen eine Erklärung haben.

Manche von uns greifen zaghaft nach der Faust-Lektüre, die unser Lehrer mit uns durchgehen will, doch nach und nach finden wir uns in unserer Rolle als stille, beobachtende und somit Unterrichtsverweigernde Schüler ein.

„Schule ist ein System von Zwängen, ihm verdanken Lehrer und Schüler ihre Existenz. Der eine bewertet Leistung, der andere bringt sie – oder eben nicht.“ So einfach ist es, soll es sein, zumindest für Klamm. Er muss sich für den Selbstmord von Sascha rechtfertigen, schließlich hat er ihn diesen einen, fehlenden Punkt nicht gegeben. Der Krieg hat Folgen für den Deutschlehrer Klamm, seine Autorität geht immer mehr in die Brüche.

Nun greift Klamm an.

Er kämpft mit allen Waffen, die einem Lehrer zu Verfügung stehen.
Einmal spielt er den Verständnisvollen, dann will er uns mit Noten bestechen, egal, was wir abliefern, wir werden nie unterpunkten. Das bewahrheitet sich dann auch bei unser Deutschklausur, wir malen einfach Bildchen und bekommen trotzdem Punkte dafür, doch die Bestechung bringt nichts – wir bleiben stur und geben nicht nach.

Uns wird ein gleichermaßen fesselnder wie bestürzender psychotischer Zustand einer Lehrerpersönlichkeit offenbart, die an ihren eigenen, aber auch an den institutionellen Ansprüchen scheitert, was sehr eindrucksvoll von Markus Rührer dargestellt wird.

Schließlich kommt unser Lehrer Klamm, als er im Bad ausrutscht, zu der Erkenntnis „Lehrer sind Mörder!“, er denkt nun seinerseits an Suizid. Unser Theaterstück im Klassenzimmer endet, als Klamm mit einer Browning in der Hand das Zimmer verlässt und die Tür mit einem lauten Knall zufällt.

Vorführung zu Ende – Bringt Klamm sich nun um?

Kurzes Sackenlassen des Erlebten bzw. Gesehenen.

Dann findet ein Gespräch mit dem Darsteller statt. Wir reden über unsere eigenen Erfahrungen mit verschiedenen Lehrertypen und welche uns immer in Erinnerung bleiben werden. Wir stellen uns auch die Frage, ob der Lehrer ganz alleine Schuld an den Selbstmord des Schülers hat. Ob er richtig oder falsch gehandelt hat oder irgendwas dazwischen. Zumindest mir, und ich glaube auch einigen anderen, bleibt dieses Theaterstück noch einige Zeit, wenn nicht für immer im Gedächtnis, was auch Markus Rührer zu verdanken ist, da er den psychotischen Zustand beeindruckend gespielt und seine  Rolle sehr überzeugend verkörpert hat.

Vielen Dank an ihn, an Vischers Kulturladen und den Freundeskreis der PVS, die uns dieses Theater im Klassenzimmer mit ermöglicht haben!
Alexandra  Q11