Anne-Frank-Projekt

Anne Frank–Ausstellung, Redebeitrag Gisela Krauß zur Vernissage am 20.2.13

Als Marlene Molitor von Vischers Kulturladen mich letzten Sommer ansprach, ob ich und Heike Hahn, meine Koop-Künstlerin etwas zum Tagebuch von Anne Frank machen wollen, gab es für mich gleich mehrere interessante Punkte:
- Einmal bin ich selbst Tagebuch-Fan, eher noch im Stil von Anne Frank, und ich wusste auch sofort, dass Heike als Facebook-Erfahrene für die moderne Version sorgen könnte,
- dann ist das Tagebuch Anne Franks ein fester Bestandteil meiner geschichtlichen Bildung, die mich bis heute veranlasst zu antifaschistischem Denken und Handeln, im Sinne von „Wehret den Anfängen“.
- Drittens schwebten mir sofort große Illustrationen als Tagebuchseiten vor meinen inneren Augen vor, die wir mit den Schülern gestalten könnten.

Doch vom ersten Ansprechen bis zur praktischen Umsetzung war es ein weiter Weg, den ich jetzt zusammenfasse. Wir wälzten viel geschichtliches Material, u.a. aus dem Nürnberger Doku-Zentrum, betrachteten stundenlang Filme über Anne Frank, bei denen ich mich einmal auch vor starker Betroffenheit fragte, wie ich damit überhaupt Unterricht halten soll, und lasen natürlich das Tagebuch von Anne Frank.
Bei der Auswahl der Klasse rutschten wir nach Sichtung der Lehrpläne, Stundenmaß in Kunst und Klassengröße von der 9. über die 10. in die 11. Jahrgangsstufe, wo wir glaubten, von einer gewissen Vorbildung bei den Schülern ausgehen zu können.

Als Einstieg in der Q11 wählten wir Ausschnitte aus dem Film „Die wahre Geschichte der A.F.“, mit Ben Kingsley, in 13 Folgen auf Youtube. Um die Figur Anne Frank, ihre Familie und die damalige Zeitstimmung greifbarer zu machen für eine bildnerische Darstellung, gaben wir eine Handreichung über A. F. s Leben heraus. Das Tagebuch selbst beschreibt über zwei Jahre lang die Existenz zu acht, untergetaucht im Versteck in einem Hinterhaus in Amsterdam.
Dargestellt werden sollte v.a. die Stimmung, die A. F. in ihrem Tagebuch schildert.
Hauptsächlich bearbeitet wurden die Auszüge:
- Mi, 10. März 1943: Untergetaucht im Versteck als verfolgte Juden erlebt die
  Familie Frank nächtliche Bombenangriffe auf Amsterdam, das von den Deu-
  schen 1940 überfallen und besetzt wurde.  Sie sind hilflos ausgeliefert, dop-
  pelt hilflos, da untergetaucht und so mehrfach angegriffen.
- Di, 15.Juni 1943, das Radio ist Wunderstimme aus dem Äther, die Hoffnung
  auf ein Vorrücken der Aliierten und Befreiung macht.
- Mo, 27.Dez. 1943, A.F. hat das erste Mal Weihnachtsgeschenke bekommen:
  1 Flasche Joghurt, Vorkriegsplätzchen und einen Kuchen für alle, mit der Aufschrift  „Friede 1944“.
Das Ende des Krieges sollte für sie 2-3 Wochen zu spät kommen. Sie starb mit knapp 16 Jahren im KZ Bergen-Belsen im Frühjahr 1945. Ihr Versteck war verraten worden. Jemand wollte sich die Belohnung sichern, die die Nazis auf diesen Verrat ausgesetzt hatten. Die Naziideologie besagte, dass Juden geringschätzig zu betrachten seien.

A.F. war ein lebensfrohes, geselliges und hochintelligentes Mädchen. Sie wäre damals in der 8.,9. oder 10. Kl. gewesen, wenn sie ihr Leben nicht im Versteck hätte verbringen müssen. Heuer wäre sie vielleicht 84 Jahre alt geworden und sie hätte eine große Bereicherung für unsere Gesellschaft sein können, offen und frei noch viel mehr als unbeabsichtigt und indirekt durch ihr Tagebuch.

Zu einer verfolgten und attackierten Minderheit kann im Prinzip jeder werden.
Dazu braucht man nicht in Indien in den falschen Bus zu steigen, das kann auch in einer deutschen U-Bahn passieren, also ganz schnell. Man kann auch zu einer Gruppe oder Ethnie gehören, die ausgegrenzt und diskriminiert wird.

Es geht um Interesse daran, was im Umfeld passiert, Mitgefühl, Verständnis und Engagement, wenn in der eigenen Umgebung Mitmenschen ausgeschlossen und angegriffen werden. Das geht z.B. bei Mobbing von Mitschülern los. In diesem Fall kann man sich an der PVS an Mediatoren wenden. Die Schule hat das Motto „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Im Alltag kann es schwieriger werden. Bei Rüpeleien in der U-Bahn kann es tollkühn sein, sich einzeln einem Angreifer in den Weg zu stellen. Es ist die Gemeinschaft gefragt. D.h. wir sollten nicht zu sehr einzeln über unseren Smartphones versinken, sondern immer ein offenes Auge, Ohr und Empfinden für unsere Umgebung haben und ansprechbar sein.
Und wir sind gefragt, auf welche Seite wir uns stellen: Um A.F. herum gab es zwei Arten Menschen: Die Mitläufer (mit den Nazis), verhetzt und geldgierig, und die Helfer, die unter Einsatz ihres eigenen Lebens die Untergetauchten im Versteck versorgten. Auf welche Seite stellen wir uns?

Gisela Krauß