Die Peter-Vischer-Schule wappnet sich gegen Gewalt

»Ein Klima des Vertrauens schaffen»

11.03.10
Nürnberg  - Vor einem Jahr, am 11. März, lief ein Schüler in Winnenden Amok. Vor einigen Wochen tötete ein 23-Jähriger in Ludwigshafen seinen ehemaligen Lehrer. Damit solche Bluttaten keine Nachahmer finden, haben Schulen Konzepte erarbeitet – darunter auch die Nürnberger Peter-Vischer-Schule. Gertrud Schubert, stellvertretende Schulleiterin, erklärt, was Lehrer, Schüler und Eltern zu mehr Sicherheit beitragen können.

NZ: Wie wappnet sich die Peter-Vischer-Schule?

Schubert: Die Vorbereitung fängt damit an, dass wir ein vertrauensvolles Schulklima schaffen, dass alle Mitglieder der Schulfamilie ständig im Gespräch miteinander sind und Probleme geklärt werden können, bevor sie sich zu Krisen auswachsen können. Das ist die tägliche Arbeit, die so gar nicht in der Öffentlichkeit gesehen wird.

NZ: Wer gehört alles zu dieser Familie?

Schubert: Die Schüler, das Kollegium, die Schülermitverantwortung, der Elternbeirat und die Schulleitung. Daneben hat die PVS ein sehr enges Beratungsnetz, dazu gehören u. a. unsere Schulsozialpädagoginnen und Schulseelsorgerinnen. Wir haben im September 2009 ein Krisenteam gebildet, das sich mit vielfältigen Krisen befasst. Amok ist immer das, was in aller Munde ist, aber es geht ja schon los mit z. B. Mobbing, Unfällen oder Todesfällen in der Familie. Krisen, die alle weit unter dem Katastrophenfall Amok stehen.

NZ: Aus welchen Personen besteht das Krisenteam?

Schubert: Unter anderem aus der Schulleitung, den Schulsozialpädagoginnen, dem Schulseelsorger, der Sicherheitsbeauftragten, dem Leiter des Schulsanitätsdienstes und den Verbindungslehrern sowie den Betreuerinnen der Paten- und der Streitschlichtergruppe.

NZ: Hat die Schule auch außerschulische Kooperationspartner?

Schubert: Wir haben von Anfang an mit der erfahrenen Diplom-Psychologin Elka Stradtner vom KIBBS (KrisenInterventions- und Bewältigungsteam Bayerischer Schulpsychologinnen und Schulpsychologen) und der Polizei zusammengearbeitet, aber uns auch selber fortgebildet. Polizeioberrat Herr Stahl, der stellvertretende Leiter der Polizeiinspektion Nürnberg West, und Frau Stradtner leiteten z. B. eine Fortbildung für das Krisenteam und das gesamte Kollegium, in der wichtige Verhaltensregeln bekannt gemacht wurden.

NZ: Können Sie konkrete Vorbereitungsmaßnahmen nennen?

Schubert: Wir haben natürlich Maßnahmen getroffen, aber die verrate ich Ihnen nicht. Zu den vieldiskutierten Maßnahmen wie komplexen Türen, Sperren, Taschenkontrollen am Schuleingang ist prinzipiell unsere Haltung: »Die Schule ist ein Haus des Lernens, ein offenes Haus», und wir wollen die Schule nicht in einen Hochsicherheitstrakt verwandeln. Von daher verbietet sich diese strenge Kontrolle. Das Wichtigste ist, einen Grundstock an Vertrauen herzustellen.

NZ: Gab es denn schon einmal einen Krisenfall an der PVS?

Schubert: Ja, zum Beispiel letztes Jahr im April. Allein aufgrund von Gerüchten, dass irgendwo stand »Amoklauf Uhlandschule», war bei uns das ganze Haus in Aufruhr, obwohl es überhaupt nicht unsere Schule betraf. Da ist grundlos eine Riesenpanik entstanden. Das wollen wir in Zukunft vermeiden. Deshalb haben wir die Informationspolitik: Die Mitglieder des Krisenteams, die es wissen müssen, bekommen ebenso wie die Polizei sehr schnell Bescheid, aber wir werden es nicht gleich an alle weitergeben. So können wir Panik verhindern.

Zu Krisen gehört aber auch Mobbing, was in unseren Schulen leider durchaus gängig ist. Für solche Fälle haben wir Mediatoren, ältere Schüler, die Vermittlungsgespräche führen. Unsere Schulsozialpädagogin begegnet Mobbing mit Gesprächsrunden und Rollenspielen, in denen Schüler Erfahrungen machen können, wie man sich als Opfer fühlt. Für viele Kinder ist das dann eigentlich der »Aha-Effekt». Ebenso führen wir Methodentage mit einem Anti-Gewalt-Programm durch.

NZ: Das Krisenteam gibt es erst seit September 2009?

Schubert: Offiziell ja. Unser Beratungsnetz gibt es natürlich schon seit Jahren, und es sind im Großen und Ganzen dieselben Leute, die sich sowieso mit den Krisen befasst haben, die haben sich jetzt halt den Namen Krisenteam gegeben. Existiert hat die Gruppe jedoch schon immer. Fragen: Doro Klink
Quelle. Nürnberger Zeitung